Kiefergelenkskopfschmerz: Casus Cnacksus

Patienten mit unklaren Kopfschmerzen leiden häufig an einer temporomandibulären Dysfunktion. Funktioniert das Kiefergelenk nicht, kann der zervikogene Schmerz groß sein. Forscher streiten über Therapieformen. Laut einer Studie können orofaziale Therapien helfen.

Es gibt nur wenige randomisiert-kontrollierte Studien zum Thema “manuelle Therapie bei craniomandibulärer Dysfunktion (CMD)”. Brasilianische Wissenschaftler um Betania Mara Franco Alves (Universität Minas Gerais) durchforsteten medizinische Datenbanken wie PubMed, EMBASE, die Cochrane Library sowie die Physiotherapy Evidence Database “PEDro” und kamen zu einem ernüchternden Ergebnis: Nur zwei Studien mittlerer Qualität waren in den Augen der Forscher auswertbar. Die Autoren fanden keine ausreichende Evidenz für die Effektivität der manuellen Therapie bei CMD.

 Ein eigenes Bild machten sich Harry von Piekartz, Hochschule Osnabrück, und Tony Hall, Curtin-University of Technology, Australien. Sie führten eine randomisiert-kontrollierte Studie mit 43 Patienten durch, in der sie herausfinden wollten, ob eine spezielle orofaziale Manualtherapie bei der CMD helfen kann. Die Forscher fanden ihre Studienteilnehmer in niederländischen Physiotherapiepraxen. Bei allen Patienten hatten Neurologen zuvor einen zervikogenen Kopfschmerz diagnostiziert. Sie wiesen einen Neck-Disability-Index (NDI) von über 15 auf und litten durchschnittlich seit über 4 Jahren an ihren Kopfschmerzen. Die Autoren fanden bei ihrer Untersuchung heraus, dass die Patienten mindestens ein Zeichen einer CMD aufwiesen.

“Knack-knack”

Über ein Drittel der Patienten wies sogar alle 4 Anzeichen einer CMD auf, also Gelenkgeräusche, Asymmetrien von > 2 mm bei der Mundöffnung, passive Bewegungsfreiheit bei einer passiven Mundöffnung von weniger als 53 mm und Schmerzen während des passiven Mundöffnens (> 32 mm auf der Visuellen Analogskala). Am häufigsten klagten die Patienten über Schmerzen beim Mundöffnen.
Die Wissenschaftler randomisierten die Patienten auf zwei Behandlungsgruppen: 21 Patienten erhielten eine gewöhnliche manuelle Therapie als Standardtherapie. 22 Patienten wurden zusätzlich mit einer orofazialen Manualtherapie behandelt. Dazu gehörten auch Techniken, die das kraniale Nervensystem desensitivieren sollen. Die Therapie fand in einem Zeitraum von 3–6 Wochen statt. Alle Patienten wurden in 6 Sitzungen jeweils 30 Minuten lang behandelt. Des Weiteren erhielten die Patienten Übungen als “Hausaufgaben”.

Die Orofazialgruppe profitierte deutlich

Während der Behandlung nahm die Range of Motion (ROM) bei den mit orofazialer Therapie behandelten Patienten deutlich zu, wie die Forscher in der Follow-up-Untersuchung nach 3 Monaten feststellten. Insbesondere wurden größere Bewegungsgrade bei der Extension und Rotation des Kopfes erreicht. Diese Verbesserungen waren in der Standardgruppe nicht messbar. Bis zum Follow-up 6 Monate nach Studienbeginn zeigte sich jedoch auch keine weitere Verbesserung der ROM in der Orofazialgruppe, was darauf hinweist, dass die Verbesserungen nur während der Intervention auftreten. Diese Ergebnisse bestätigen die Review-Ergebnisse der brasilianischen Forscher also nur zum Teil: Reguläre manuelle Therapie bei CMD hilft nicht. Was jedoch anscheinend viel bewirkt, ist speziell die orofaziale Manualtherapie.
Studien weisen darauf hin, dass sich zervikogene Kopfschmerzen und die CMD gegenseitig bedingen. Die Studie von Harry von Piekartz und Toby Hall lässt die Patienten also hoffen: Zervikogene Kopfschmerzen können sich bessern, wenn eine – möglicherweise bisher unerkannte – CMD mittels orofazialer Manualtherapie behandelt wird.


Artikel von Dunja Voos
Fachgebiete: Allgemeinmedizin, Forschung, Forschung, Orthopädie, Sonstige Themengebiete
Tags: Kopfschmerzen, Manualtherapie, orofazial, temporomandibuläre Dysfunktion
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