Interview mit Dr. Matthias Klum M.Sc. – Fachbereich Parodontologie

1. Warum haben Sie sich für das Fachgebiet Parodontitis entschieden?

Das Krankheitsbild der Parodontitis – also der Entzündung des Zahnhalteapparates – hat mich schon früh fasziniert. So ist die Parodontitis ab ca. dem 40. Lebensjahr der häufigste Grund für Zahnverlust – noch vor Karies. Außerdem hat keine andere zahnmedizinische Erkrankung mehr Einfluss und Wechselwirkungen mit der Allgemeingesundheit bzw. mit Erkrankungen des Körpers wie Diabetes Mellitus, Herz- Kreislauferkrankungen oder z.B. rheumatoider Arthritis.

Mein starkes Interesse an der Parodontologie hat mich dazu veranlasst, mich in eben dieser Fachrichtung weiterzubilden. Aus diesem Grund habe ich in den vergangenen Jahren das DGParo-Masterstudium für Parodontologie und Implantattherapie an der Dresden International University durchlaufen, das ich 2017 erfolgreich abschloss.

 

2. Wie merke ich, ob ich Parodontitis habe?

Erste Anzeichen einer Parodontitis können blutendes Zahnfleisch, erhöhte Beweglichkeit der Zähne und zunehmender Mundgeruch sein. Allerdings ist der Entstehungsprozess der Parodontitis oft schleichend und wird von Patienten selbst selten bewusst bzw. oft erst spät wahrgenommen. Mithilfe von speziellen Testverfahren, wie dem aMMP-8-Test können entzündliche Reaktionen im Körper, die auf eine Parodontitis hinweisen, schon früh erkannt werden.

Eine verlässliche Diagnose kann letztlich nur von der behandelnden Zahnärztin bzw. dem Zahnarzt gestellt werden. Hierzu werden die tiefen sämtlicher Zahnfleischtaschen gemessen und das Zahnfleisch auf Blutungen untersucht. Außerdem werden die Beweglichkeit der Zähne kontrolliert und geprüft, ob bei Zähnen mit mehreren Wurzeln bereits deren Aufgabelungen freiliegen. Auch eine Röntgenuntersuchung ist notwendig, um die Beschaffenheit und das Niveau des Knochens zu untersuchen und ggf. mit älteren Röntgenbildern vergleichen zu können. So lassen sich Rückschlüsse auf die Geschwindigkeit des Fortschreitens ziehen.

 

3. Was kann ich tun, um eine Parodontitiserkrankung zu vermeiden?

Ob sich eine Parodontitis entwickelt, hängt von verschiedensten Faktoren ab, was in Zwillingsstudien eindrücklich bewiesen werden konnte. Es gibt jedoch eine Reihe von Faktoren, welche die Entstehung einer Parodontitis begünstigen. Hierzu zählen neben der Mundhygiene auch das Rauchen, Stress, ungesunde Ernährung und Allgemeinerkrankungen wie Diabetes, rheumatoide Arthritis, Herz-Kreislauferkrankungen und viele mehr.

An diesen Stellschrauben gilt es zu drehen, um die Erkrankung zu vermeiden bzw. um bei bestehender Krankheit die Therapie zu begünstigen. Aus diesem Grund ist eine ausführliche Besprechung mit dem behandelnden Zahnarzt bzw. dem geschulten Prophylaxepersonal unabdingbar.

 

4. Was kann ich tun, wenn ich bereits Parodontitis habe?

Ist bereits eine Parodontitis diagnostiziert, so muss diese von hierfür ausgebildeten Fachkräften behandelt werden. Liegen zudem Allgemeinerkrankungen vor, so sollte die Behandlung in jedem Fall in enger Absprache mit dem behandelnden Hausarzt/Diabetologen/Kardiologen/etc. erfolgen. Unterbleibt die notwendige Behandlung, so kann dies nicht nur Zahnverlust, sondern auch die Intensivierung einer bestehenden Allgemeinerkrankung zur Folge haben. Neben der Behandlung der vertieften Taschen, sollte auch intensiv an den veränderbaren Lebensfaktoren gearbeitet werden. So ist z. B. bei Rauchern stets eine Rauchentwöhnung anzuraten. Ich biete in Zusammenarbeit mit einem Koch und Diätberater allen Parodontitispatienten Kochkurse zum Erlernen und Auffrischen einer gesunden, mediterranen Küche an.

 

5. Warum ist Parodontitis so schlimm?

In unserem Mund befinden sich etwa 500-700 verschiedene Keimarten. Einige wenige Keimarten können den Abbau des Knochens und damit die Parodontitis auslösen. Unerkannt und unbehandelt führt die Parodontitis zum Zahnverlust, was meist die aufwendige Versorgung mit Zahnersatz (Implantate, Brücken, Prothesen) nach sich zieht. Dabei bleiben schadhafte Vorgänge nicht auf den Mund begrenzt. Über die blutende Wundfläche gelangen diese Keim auch in den Blutkreislauf und können an anderen Stellen im Körper Probleme verursachen und auch bestehende Erkrankungen –wie zum Beispiel eine bestehende Zuckererkrankung (Diabetes) – verschlimmern. Somit ist es sowohl aus zahnmedizinischer, wie auch allgemeinmedizinischer Sicht absolut notwendig, eine bestehende Parodontitis erfolgreich zu therapieren.

 

6. Gibt es Wechselwirkungen zwischen Parodontitis und anderen Krankheiten?

Die Erforschung der Zusammenhänge und Wechselwirkungen von Mund- und allgemeiner Gesundheit hat in den letzten Jahren viele gesicherte Erkenntnisse erbracht, die eine Berücksichtigung und Anpassung aktuell vorhandener Behandlungsschemata erfordern. So konnte die Parodontitis nicht nur als ein wichtiger Risikofaktor für die Entstehung und Intensivierung von Endokarditis, Diabetes mellitus, chronischen Nierenerkrankungen, Pneumonie und kardiovaskulären Erkrankungen identifiziert werden. Darüber hinaus konnte in Interventionsstudien zudem der positive Effekt einer erfolgreichen Behandlung der Parodontitis auf die Allgemeinerkrankung (z. B. Senkung des Hba1c, Senkung des CRP) nachgewiesen werden.

Auch wenn es sich bei den oben genannten Erkrankungen um komplexe Geschehen handelt, bei denen die Mundgesundheit nur einen Risikobaustein darstellt, wird die Berücksichtigung dieser Einflüsse immer zusätzliche Erfolge für die allgemeine Gesundheit erzielen. Aus diesen Erkenntnissen resultieren bereits jetzt Forderungen, eine Vielzahl bestimmter Krankheitsbilder interdisziplinär zur betrachten und zu therapieren. Aufgrund der zahlreichen Berührungspunkte von Zahnmedizin und Allgemeinmedizin spreche ich auch am liebsten vom Fachgebiet der parodontalen Medizin.

 

7. Warum sollte ich einen Spezialisten aufsuchen?

Mit Abschluss des Studiums sind alle Zahnärztinnen und Zahnärzte dafür ausgebildet, Parodontalerkrankungen zu erkennen und leichte bis mittlere Erkrankungen zu behandeln.

Für die Beurteilung und Behandlung von schweren Krankheitsausprägungen bzw. von Parodontitiserkrankungen, die in Kombination mit allgemeinmedizinischen Erkrankungen (Herz, Diabetes, etc.) auftreten kann es hilfreich sein, einen auf Parodontologie spezialisierten Zahnarzt aufzusuchen. In der Regel liegen hier eine große Erfahrung bei der Behandlung komplexer Fälle, sowie spezialisierte Diagnostik- und Behandlungsmethoden, sowie ein kompetentes Netzwerk aus allgemeinmedizinischen Kollegen zur interdisziplinären Zusammenarbeit und Therapie vor.

 

8. Wie läuft eine Parodontitisbehandlung ab?

Nach einer intensiven Anamnese erfolgen eine detaillierte klinische und röntgenologische (2D- oder 3D-Röntgen) Untersuchung. Es werden Fotos der Zähne und des Zahnfleischs und in vielen Fällen auch Modelle der Zähne angefertigt. Je nach Ausprägung werden die Befunde durch weitere Tests (Keimtest, Antibiogramm, aMMP-8-Test, etc.) ergänzt. Diese Befunde werden in Ruhe ausgewertet und in einem separaten Termin mit der Patientin/dem Patienten besprochen. Hierbei erfolgt eine intensive Unterweisung in die Ursachen der Parodontitis, die Behandlung und die Nachsorge. Auf Grundlage der Befunde wird ein individueller Behandlungsplan entworfen.

Bevor die Reinigung der erkrankten Zahnfleischtaschen erfolgen kann, muss sichergestellt sein, dass eine optimale Mundhygienefähigkeit besteht. Kariöse Zähne, überstehende Füllungen, undichte Kronen, etc. werden ausgetauscht, um Rückzugsnischen für Bakterien zu beseitigen. In der sogenannten initialen Behandlungsphase erfolgen intensive Zahnreinigungen und Mundhygienetrainings mit unserem geschulten Prophylaxepersonal. Nach der initialen Phase werden erneut alle Zahnfleischtaschen gemessen und der Antrag für die Parodontitisbehandlung an die Krankenkasse gestellt.

Die Reinigung der vertieften Taschen findet unter Betäubung statt. Mit feinem Hand- und Ultraschallinstrumenten werden die Ablagerungen in der Tiefe beseitigt und der Schutzfilm der Bakterien entfernt. Nach der mechanischen Reinigung erfolgt die Tiefendesinfektion mithilfe der photodynamischen Lasertherapie. Im Anschluss an die Reinigung der Taschen erfolgt eine 30-tägige häusliche Wiederbesiedelung der Mundhöhle mit speziellen probiotischen Bakterienstämmen.

Bei der Nachkontrolle wird in einzelnen Fällen eine weiterführende Therapie zur weiteren Minimierung der Zahnfleischtaschen oder zur gezielten Regeration von Knochen und Weichgewebe besprochen. Ist keine weiterführende Therapie notwendig, so erfolgt die Einbindung des Patienten in ein engmaschiges, individuelle getaktetes Nachsorgeprogramm, die sogenannte parodontale Erhaltungstherapie (PET).

 

9. Übernimmt die Krankenkasse die Kosten dieser Behandlung?

Die gesetzlichen Krankenkassen übernehmen mit der mechanischen Tiefenreinigung einen wichtigen Teil der Parodontitisbehandlung. Die Erkenntnisse darüber, wie eine gute und langfristig erfolgreiche Therapie auszusehen hat, decken sich jedoch leider nicht voll mit dem Leistungskatalog der Krankenkassen. Somit sind gewisse Teile der Behandlung durch den Patienten in Eigenleistung zu honorieren. Hierfür erhält jeder Patient vor Beginn der Behandlung einen individuellen Kostenplan.